Dilettantische Frage
Simon H. aus H wie Hinterkappelen ist, wie uns scheint, die Ungeduld in Person.
Er hat der Askforce zirka ums Jahr 2022 herum die Frage «warum gibt es nur Dilettanten, aber keine Diletonkel?» unterbreitet. Seither fragte er wiederholt nach, warum die Askforce nicht längst schon geantwortet habe – und er formulierte echt schauerliche Mutmassungen: Vielleicht sei die Frage für die Askforce zu schwierig? Vielleicht habe die «Fachinstanz für alles» die Frage nicht nur verschämt in einer Schublade versorgt, sondern in einer «verschwundenen Schublade»?
Diese Steigerungsform des Verschwindens gefällt uns: Erst weg mit dem Ding in die Schublade; dann – Simsalabim – weg mit der ganzen Schublade; dann weg mit dem Möbel, aus dem die Schublade verschwand; dann weg mit dem Zimmer, das vom Möbel möbliert wurde; weg mit dem Haus, in dem das Zimmer lag; weg mit dem Quartier, der Stadt, dem Land, wo das Zuhause stand – und so weiter. So sieht Verdrängung in ihrer gründlichsten Form aus.
Allerdings haben wir Simon H.s Frage nicht verdrängt, sondern schon 2022 unserer Schublade entnommen – und wir leisteten danach über Jahre hinweg statistische Grundlagenarbeit. Wir stellten dabei fest: Von 2022 bis 2026 nahm in der Schweiz die Zahl der mutmasslichen Dilettanten signifikant zu. Mit jeder Geburt schlägt ein potenzieller Dilettant die Augen auf. Und auch mit jedem Grenzübertritt kann die Dilettantendichte steigen.
Wer jetzt fürchtet oder hofft, hier folge nun ein triefender Sermon über den Dilettantendichtestress, liegt komplett falsch. Im ganzen Diskurs über den Dilettantismus sind ja bloss jene Deppen das Problem, die irrenderweise meinen, Dilettanten seien ihresgleichen – also Deppen. Die belesene Askforce-Gemeinde dagegen weiss, dass das italienische Wort «dilettare» ganz simpel «erfreuen» bedeutet – und oft auf die von Vorbildung unbefleckte Liebhaberei im Bereich der Künste oder des Wissens hinweist. Wer dilettiert, ist beseelt von der Schönheit einer Sache und gewährt seiner Leidenschaft Zeit und Raum. Liebend gerne würde die Askforce selber dilettieren, was nur deshalb nicht geht, weil sie bereits in praktisch jedem Kunst- und Wissensfeld habilitiert hat.
Nun noch kurz zum Diletonkel! Unsere Feldforschung belegt zweifelsfrei, dass es selbstverständlich auch männliche Wesen – inklusive Onkels – gibt, die wunderbar dilettieren. Aber der Gendergap ist unübersehbar: Der Mann als solcher hat wegen seiner Vollzeiterfüllung in Beruf und Militär oft schlicht keine Zeit für die Liebhaberei. Statistisch sind daher – beim Dilettieren – die Onkel gegenüber den Tanten in der Unterzahl. Darum hat sich richtigerweise der Begriff Dilettanten durchgesetzt. Aber: Diletonkel sind immer mitgemeint! Beim Wort Dilettanten handelt es sich somit um einen raren, aber unumstrittenen Fall eines generischen Femininums. Für diese bahnbrechende Entdeckung wurde die Askforce übrigens 1981 mit dem PIOT ausgezeichnet – dem renommierten «Prix International des Oncles et des Tantes».
Askforce Nr. 1240
22. Juni 2026