Rotkäppchen – wie es wirklich war

Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen und als es so viel zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, dass die Tür aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, dass es dachte: Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir’s heute zumut. Es rief: «Guten Morgen!»

«Wie würde das Märchen von Rotkäppchen enden, wäre der Wolf rechtzeitig ausgerottet worden?», fragt Bernhard R. aus Rüfenacht die Askforce.

Rotkäppchen hätte auch ohne Wolf keine Antwort erhalten. Es wäre zum Bett gegangen und hätte die Vorhänge zurückgezogen. Unter einer schweren Decke wäre da die Grossmutter gelegen, mit rot unterlaufenen Augen und einem Tropf an der Nasen­spitze. Es hätte übel gerochen, nach Urin und Erbrochenem. Umweht von einer Wolke von Viren und Bakterien, hätte Grossmutter das Rotkäppchen zu sich herangewinkt. Mit ihren schwefel­gelbgrünlichen Augen hätte sie in den Korb gelinst und mit ihrer langen, knochigen Hand darin herumzuwühlen begonnen. «Bloss ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein?» Empört hätte sie ausgerufen: «Undank ist der Welt Lohn! Hätte ich meine Göre damals doch nur dem Rumpelstilzchen verkauft …» Worauf sie in einen rasselnden Hustenanfall ausgebrochen wäre. Als Nächstes hätte sie vom Kuchen probiert – «von vorgestern!» –, um Rotkäpp­chen sodann aufzutragen, den Rest des Gebäcks nach hinten zu bringen, zum Käfig von Hän­sel und Gretel: «Die fallen mir sonst noch vom Fleisch.»

Rotkäppchen tat, wie ihm geheissen.

In der Zwischenzeit entkorkte Grossmutter den Wein – mit einem Zauber­spruch – und trank von der Flasche. Als Rotkäppchen zurückkehrte, trug die Alte dem Kind auf, bei Rapunzel vorbeizuschauen: «Schneide ihr die Haare, sonst seilt sich das dumme Ding eines Tages noch ab aus ihrem Turm!» Grossmutter versank im Rausch und hub an zu schnarchen, dass sich die Wände bogen. Als der Spiegel herniederfiel, säuselte er noch ein letztes Mal: «Frau Königin, Ihr seid…» Dann barst er in tausend Stücke.

Für Rotkäppchen war der Besuch sehr belastend. Hänsel und Gretel hätte es gerne mehr Kuchen gebracht. Mit dem Spiegel hatte es sich stets gern unterhalten. Und Rapunzels Haare schienen ihm ungemein kostbar – jeder Schnitt in den goldenen Zopf empfand es wie einen Schnitt ins eigene Herz.

Und so flüchtete sich das Kind in eine Fantasiewelt. Am Abend erzählte es seiner Mutter, Grossmut­ter sei vom Wolf gefressen worden. Es selbst auch. Und unter Tränen schilderte es, wie der Jäger, der dumme Kerl, sie aus dem Bauch befreit und den Wolf getötet habe. Doch das stimmte gar nicht: Es gab keinen Wolf mehr im Wald – der war längst ausgerottet. Grossmutter aber erholte sich dank des Weins von ihrer Krankheit. Und da sie nicht gestorben ist, wütet sie bis heute.

Das nächste Mal, lieber Bernhard R., werden wir Ihnen schildern, wie die Geschichte von Hänsel und Gretel tatsächlich zu Ende gegangen ist. Und merken Sie sich eins: Ein rechtzeitiges Ausrotten gibt es nicht.

Askforce Nr. 1239
15. Juni 2026