Wolf an der Leine
Vor drei Wochen beantworteten wir schlüssig die Frage, wie das Märchen von Rotkäppchen enden würde, «wenn der Wolf rechtzeitig ausgerottet worden wäre». Seither erreichen uns – primär aus dem Wallis – viele Zuschriften voller inniger Dankbarkeit: Es macht sich Erleichterung breit, weil wir aufzeigen konnten, dass das literarische Werk auch ohne echte, zähnefletschende Bestie seine Qualitäten hat.
Nur unser Leser Peter P. aus Biel ist «graduell» unzufrieden: «In der Rotkäppchen-Auslegung der Askforce tritt zwar kein Wolf auf – weil korrekterweise ausgerottet.» Aber Rotkäppchen fantasiere trotzdem von einem menschenverschlingenden Wolf. Deshalb insistiert Peter: «Vielleicht hätte der Wolf halt noch früher ausgerottet werden müssen. So zeitig, dass er auch im Unterbewusstsein von Rotkäppchen nicht mehr vorkommt.»
Peter und der Wolf. Na ja. Irgendwie schön, fragt er bei uns nach. Allerdings finden wir es ziemlich verwunderlich, wie leidenschaftlich sich der zeitgenössische Mensch mit Ausrottungsfantasien beschäftigt, notabene bezogen auf ein Tier, dem Peter und seinesgleichen mit enorm grosser Wahrscheinlichkeit noch nie begegnet sind. Man mag Rotkäppchen nicht einmal den Gedanken an einen fiktiven Wolf gönnen!
Tiefenpsychologisch gibt die Paarung «Rotkäppchen und der Wolf» ja einiges her. Triebleben, Sehnsüchte, Ängste, Wahrheit und Lüge, Selbstfindung. Volle Packung. «Peter und der Wolf» ist aber auch nicht ohne und illustriert prächtig die Abwehrreaktion der Psyche respektive «die Verdrängung», wie Sigmund Freud hier anmerken würde. Verdrängt wird des Menschen Beitrag zum Umstand, dass der Wolf heute seinen ausgeprägten Spass an Schafen, Ziegen, Meerschweinchen und Mädchen mit roter Kopfbedeckung hat.
Im Grunde wissen wir es doch alle. Den Ursprung der fatalen Zustände finden wir an den Lagerfeuern während der Endphase der letzten Eiszeit. Damals fütterte der Homo erectus den Wolf an – und beide hatten Freude an dem sich entwickelnden gegenseitigen Verhältnis. Der Wolf freute sich unterhündisch an seiner neuen und wachsenden Rolle als Zivilisationsbegleiter – und der Mensch freute sich an der Gegenleistung des Wolfes: Dieser begann das nunmehr gemeinsame Revier zu verteidigen – gegen böses Getier, etwa gegen löwengrosse Säbelzahnkatzen.
Was folgte, kennen wir: die endgültige Domestizierung von Wölfen und deren Degenerierung zu Haushunden.
Warum warf der Mensch im spätglazialen Paläolithikum seine halb abgenagten Knochen nicht der grosse Mieze zu, der damals in Europa heimischen Säbelzahnkatze Homotherium latidens? Warum liess er dieses Wesen damals kaltherzig aussterben? Aus Angst? Weil schon damals «Hund oder Chatz?» die grosse Glaubensfrage war?
Mit dem richtigen Entscheid am Lagerfeuer wäre uns viel erspart geblieben.
Etwa die Erfindung von Hundeleine, Hundebiskuits, Hundesteuer, Hundefriseusen, Hundeklos – und weiss der Geier noch was. Vor allem aber die Erfindung der Leine.
Askforce Nr. 1242
6. Juli 2026