Sind die Rebbauern zu Weinbauern geworden?

Herr Peter G. aus Liebefeld hat uns eine lange Frage geschickt. In seiner Jugendzeit habe man von «Rebbauern, Rebbergen, Rebstöcken, Traubenlese, Tafeltrauben, Traubenmost und Traubenpressen» gesprochen, schreibt er. «Heutzutage liest man nur noch von Weinbauern, Weinbergen, Weinstöcken, Weinlese.» Nun will Herr G. von den «lieben Askforcern» wissen: «Was ist da passiert?» Und wie eine Weinlese gehe. Und ob es dafür Flaschen brauche.

Es ist viel passiert, das ist klar. In G.s Zuschrift haben wir bezogen auf seine Person in Klammern die Zahl 94 entdeckt. Wir nehmen an, dass es sich dabei um sein Alter handelt. Seit G.s Jugendzeit sind also ungefähr 80 Jahre vergangen: 1946 gab es weder AHV noch Autobahnen, weder Halbtax noch Gotthard-Basistunnel, weder Hochkonjunktur noch Ölkrise, weder Mondlandung noch Klimawandel, weder Frauenstimmrecht noch Gleichberechtigung (es gibt, Herr G., auch «Askforcerinnen»). Wir könnten die Liste beliebig fortsetzen, wollen aber weder uns noch die Leserschaft langweilen.

Aber wurden seither die Rebbauern wirklich zu Weinbauern? Und gab es die Weinbauern vorher in der Schweiz nicht? Das beantworten wir klar mit Nein. Bereits im Februar 1816 wird in der einflussreichen liberalen Wochenzeitung «Der Erzähler» über den Witterungsverlauf des Jahres 1815 berichtet: «Die anhaltenden Regen von Juni und Juli raubten vollends dem Weinbauer im Thurgau und im Rheintal alle Früchte seines Fleisses.»

Es ist bekannt, dass die sprachlichen Variationen eingeebnet und die schweizerischen durch schriftdeutsche Ausdrücke verdrängt werden. So war in frühen Ausgaben der Zürcher Bibel auch von «Räbgarten» und nicht nur von Weinbergen die Rede. Die Bibel lehrt uns auch, dass man für die Weinlese nicht unbedingt Flaschen braucht, man kann auch Schläuche nehmen, aber besser keine alten für neuen Wein.

Wir verstehen unter Weinberg und Rebberg und unter Weinbau oder Rebbau heutzutage so ziemlich das Gleiche. Doch der schnelle Befund verführt zur irrigen Annahme, es handle sich um völlig übereinstimmende Synonyme. Wir haben aber noch nie gehört, dass man Peter Reber auch Herr Winzer sagt. Oder dass eine Frau Weinzierl aus Österreich in der Schweiz in Frau Rebmann umgetauft wird. Der Gast, der in der Beiz ein «Haubeli» Rebensaft vom Besseren verlangt, ist unzufrieden, wenn ihm die Wirtin Traubensaft vorsetzt. Und haben Sie je von Weinläusen oder Rebbergschnecken gelesen?

Askforce Nr. 1257
12. Oktober 2026