Ein Händchen fürs Giessen
Als er jüngst wieder Giesskanne um Giesskanne in den Garten getragen habe, sei plötzlich dieser Gedanke da gewesen, schreibt uns Herr Paul R. aus Bern: «Giesst man mit einer Giesskanne, passiert eigentlich das Gegenteil dessen, was normalerweise mit dem Giesskannenprinzip gemeint ist.»
Nun präsentiert Herr R. seine Überlegungen: Vom Giesskannenprinzip spreche man, wenn eine Behörde Geld an verschiedene Empfänger verteile, ohne deren Finanzbedarf genau zu kennen. Wer eine unüberlegte Ausgabenpolitik beschreiben wolle, spreche vom Giesskannenprinzip. «Allen etwas geben, ohne gezielt zu fördern – das ist es doch, oder nicht?», fragt Herr R.
Seine Erfahrung sei nun aber eine ganz andere: «Wenn ich mit meiner Giesskanne den Beeten entlanggehe, kann ich den einzelnen Empfängerpflanzen sehr gezielt Wasser zuführen.» Normalerweise nehme er dazu den Brausekopf ab, so dass er mit dem Ausgussrohr nahe zum Wurzelbereich der Pflanzen komme. Durch mehr oder weniger starkes Schräghalten der Kanne könne er die Wassermenge erstaunlich gut dosieren – «je leichter die Kanne wird, desto präziser kann ich die Steuerimpulse auf sie übertragen». Und selbstverständlich könne er den «Subventionsfluss» subito stoppen, wenn er zur nächsten Pflanze wechseln wolle.
Inzwischen habe er ein «Händchen fürs Giessen» entwickelt, schreibt Herr R. Das mache ihn «innerlich stolz», auch wenn er sich keine Illusionen darüber mache, dass die Nachbarin, die ihm manchmal dabei zuschaue, «wirklich erfasst, was da bei mir gerade abgeht». Und auch in Bezug auf das «Beitragsvolumen», das er den einzelnen «Pflanzen-Einheiten» zuspreche, könne er mittlerweile auf so etwas wie ein «Gespür für die optimale Sättigung» abstellen: «Bei mir versickert nichts.» Das sei natürlich im übertragenen Sinn gemeint – «im Prinzip ein kleiner Witz».
Zudem habe er einen speziellen Blick für Giesskannen entwickelt, fährt Herr R. fort. Nebst den Allerweltsmodellen aus Plastik existiere ein ganzes Giesskannenuniversum: Seine «Lieblinge» seien jene aus feuerverzinktem Stahl. «Und dann all die Formen, Streben, Griffe und Brausen.» Besonders interessant finde er die Zimmergiesskannen mit ihren extra langen, schmalen Tüllen – denn diese «Kannen-Familie» sei es, die seinen Gedanken vom gut gemeinten, aber überall falsch verstandenen Giesskannenprinzip stärker stütze, als man eine Hypothese überhaupt stützen könne: «Mit meinem Zimmergiesskännchen kann ich extrem zielgerichtet Wasser verteilen – ohne ein einziges Tröpfchen zu verschütten.»
«Nun aber zu meiner Frage», schreibt Herr R.: «Finden Sie nicht auch, liebe Askforce, dass ich da auf etwas Interessantes gestossen bin?»
Doch, doch, Herr R., Sie haben recht! Und wir geben es neidlos zu: Sie scheinen nicht nur ein Händchen für Giesskännchen und gute Fragen zu haben, sondern auch für schöne Antworten.
Askforce Nr. 1249,
17. August 2026