Banksy, die Askforce und der Ruhm

Kürzlich, so schreibt uns Frau R. aus dem Berner Kirchenfeld, sei der seit fast 30 Jahren inkognito agierende Graffiti-Künstler Banksy enttarnt worden. Sie bedauert das: «Wir sind um ein Geheimnis ärmer und um nichts reicher.» Trost findet sie bei der Askforce. Hier bleibe unklar, wer jeweils die neuste Antwort verfasst habe. Nur eine «diensttuende Expertin» oder ein «diensttuender Experte» werde im Begleitmail erwähnt.

Dann kommt Frau R. – endlich! – zu ihrer Frage: «Warum hüllt ihr euch in Anonymität? Und wohin versorgt ihr den menschlichen Wunsch nach Anerkennung und Ruhm?»

Die Askforce schreibt anonym, weil ihr das Streben nach Ruhm wesensfremd ist. Das liegt in der Natur einer «Fachinstanz für alles». Umso ehrenvoller, mit dem berühmtesten Street-Art-Künstler aller Zeiten – dem bisher bekanntesten Unbekannten – verglichen zu werden. Erst durch Frau R.s Hinweis fällt uns auf: Wir teilen mit Kollege Banksy die Charakterstärke der Bescheidenheit.

Banksy ist wohl Herr G. aus Bristol. Reuters-Journalisten fanden das nach jahrelanger Recherche heraus und posaunten es im vergangenen März in die Welt. Auch bei der Askforce hat die Aura der Unfassbaren schon gelitten: 2021 outeten wir uns trotzig selbst, nachdem uns eine Zeitung – deren Name uns leider entfallen ist – rausgeworfen hatte. Unsere wöchentlichen Veröffentlichungen aber erscheinen weiterhin anonym. Auf eine Art ist die Askforce der Banksy der Medien.

Unsichtbarkeit sei eine Superkraft, um Mächtige zu kritisieren, teilte Banksy einmal mit. Die Askforce wiederum erkannte früh, dass sie im Schutz der Anonymität frech zu den Fragestellenden sein konnte.

Nur finanziell verliefen die Karrieren unterschiedlich. Unsere Kolumnen erreichten nicht annähernd den Marktwert von Banksys – «relativ banalen» (NZZ) – Betonmalereien. Mit ihrer Aussage, wir seien um nichts reicher, trifft Frau R. bei uns ins Schwarze.

Einen seiner grössten Coups landete Banksy 2018 bei Sotheby’s. Kaum hatte jemand für über eine Million Euro sein Werk «Mädchen mit Ballon» ersteigert, schnitt ein im Rahmen versteckter Schredder die Hälfte des Bildes in Streifen.

Frau R. darf diese Kolumne gerne ausdrucken und halb oder ganz schreddern. Grüsse von der diensttuenden Expertin.

Askforce Nr. 1246,
20. Juli 2026