Wie zerstöre ich Gitarren?

«Wie könnte ich das Zerschlagen von Gitarren üben?» Diese Frage hat uns der Lerbermatt-Gymnasiast Manol L. zugespielt. Er habe vor kurzem Jimi Hendrix «entdeckt» und sich gefragt, wie dieser das Zerschlagen zu solcher Perfektion bringen konnte. Dann lässt Herr L. durchblicken, warum er unseren Rat sucht: «Ich habe selber einen Auftritt in einigen Wochen.»

Vielen Dank für diese destruktive Frage, Herr L. Wir haben Jimi Hendrix schon vor langer Zeit «entdeckt». Und ja: «Entdecken» ist hier das richtige Wort – wie bei Kontinenten. Hendrix war in jeder Hinsicht gross, unfassbar begabt und auf eine unnachahmliche Weise cool. Wir begreifen, dass (auch) Sie von ihm hingerissen sind.

Haben Sie schon die Videos von seinem Auftritt am Woodstock-Festival gesehen? Wie er die amerikanische Nationalhymne spielte? Wie er – es war die Zeit des Vietnamkriegs – seiner Gitarre Geräusche entlockte, die wie Fliegerangriffe und Bombeneinschläge klangen? Als wäre er fähig gewesen, das Instrument direkt an sein Hirn anzuschliessen. 

Warum erzählen wir Ihnen das, Herr L.? Sie sollen wissen, was Jimi Hendrix uns bedeutet, wenn wir jetzt anfangen, ihn zu kritisieren. Denn beim Zertrümmern von Gitarren war er nämlich nicht perfekt. Falls Sie uns nicht glauben: Schauen Sie sich das Video vom Monterey Pop Festival 1967 an.

Den ersten Schlag kann man noch gelten lassen, aber dann ist erkennbar, wie Hendrix sich mit den nächsten Schwüngen selbst ins Torkeln bringt. Das ist verständlich. Besonders der Korpus einer E-Gitarre ist massereich und kann bei unsachgemässer Bedienung zu erheblicher Unwucht führen. Es wird sogar ein Mikrofonständer in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn Sie bei der Zerstörung von Gitarren Perfektion erlangen wollen, raten wir Ihnen, sich ausdrücklich nicht an Hendrix oder anderen Ikonen der Rockgeschichte zu orientieren. Falls noch etwas Zeit bleibt bis zu Ihrem Auftritt, tun Sie vielmehr dies: Analysieren Sie das Bild von Hodlers Holzfäller. Beine, Rumpf, Arme. Vergleichen Sie es mit dem legendären Cover des Albums «London Calling» von The Clash. Es zeigt Paul Simonon, wie er seinen Bass zertrümmert. Sehen Sie den Unterschied?

Und falls Sie noch etwas üben möchten: Fahren Sie über Land, bis Sie einen Bauern antreffen, der mit einem Holzschlegel Zaunpfähle in den Boden rammt. Fragen Sie ihn, ob er Ihnen die Schlagtechnik beibringen könne. Wenn er nach einem Grund fragt, müssen Sie nicht unbedingt erwähnen, dass Sie Rockgeschichte schreiben wollen. Sagen Sie ihm einfach, angesichts der allgemeinen Weltlage hätten Sie eine nicht näher bestimmbare Wut im Ranzen.

Askforce Nr. 1244
13. Juli 2026