Sodeli
«Alle haben ja gern das letzte Wort», schreibt uns Märggu aus K. und fragt: «Aber welches wird das allerletzte Wort sein? Und wird man es gernhaben?» Zuerst einmal, lieber Märggu, ein herzliches Dankeschön, dass du in dieser Sache der Askforce das letzte Wort überlässt. Erfahrungsgemäss tun sich damit ja gerade Männer schwer, was mit ein Grund dafür ist, wieso die meisten Sitzungen länger dauern als nötig. Das Paradoxe an der Sache: Zwar haben alle gerne das letzte Wort, aber niemand möchte, dass es sein letztes gewesen sein wird. Sich mit den Worten «Ich erwarte Ihren Bericht bis morgen» nicht nur aus einer Sitzung, sondern gleich aus dem Leben zu verabschieden, wäre jedenfalls ein tragikomischer Abgang erster Güte (und an Firmenfeiern noch lange die Pointe).
Aber Märggus Frage zielt natürlich tiefer. Das allerletzte Wort wird erst dann gesprochen worden sein, wenn der allerletzte Mensch – und mit ihm unsere Spezies an sich – das Leben aushaucht. Was spätestens in ein paar Milliarden Jahren der Fall sein wird, darin sind sich die Astrophysiker:innen einig. Unsere Sonne, dieser Kernfusionsreaktor, brennt aus physikalischen Gründen immer heisser. Mit der Folge, dass unsere heutige Lebensspenderin die Erde in einen unsäglichen Wüstenplaneten verwandelt, die Ozeane verdampfen und uns die Zunge im Gaumen verdorren lässt, bevor sie uns zum Grande Finale als sterbender Roter Riese gänzlich verschlingt (da sind sich die Astrophysiker:innen nicht ganz einig; aber lass alle Hoffnung fahren, Märggu, überleben werden wir es so oder so nicht).
Millionenfach werden letzte Worte erklingen, wenn die Menschheit ausgelöscht wird, von «Ich liebe dich» über «Gott» in allen Sprachen bis zu einem letzten verzweifelten «Ich erwarte Ihren Bericht bis morgen». Aber es wird keine Rolle spielen. Weil niemand mehr da ist, der das allerletzte Wort überliefern, und niemand, der sich dafür interessieren wird.
Am Anfang war das Wort. Am Ende: Funkstille. Zumindest fast. Irgendwo im interstellaren Raum sind die beiden Raumsonden Voyager 1 und 2 unterwegs, die 1977 ins All geschossen wurden. Beide tragen eine goldene Schallplatte mit Geräuschen, Musik und Stimmen von der Erde mit sich. Darunter Grussbotschaften in 55 Sprachen, die deutsche lautet «Herzliche Grüsse an alle». Eigentlich hätte auch das Schweizerdeutsche «Sodeli» auf das kosmische Mixtape gehört. Sodeli quittiert Endgültiges bescheiden und mit einem leichten Achselzucken. Das macht es zum passenden Schlusswort für die Abwicklung der Menschheit. Einer Spezies, die sich immer für den Nabel der Welt hielt – und am Ende doch nur ein Fussel im Bauchnabel des Universums war.
Askforce Nr. 1230
13. April 2026