«Hohe Eingriffstiefe –könnt ihr mir das erklären?»
Bei der Lektüre der Zeitung ist Barbara St. aus Solothurn «ganz trümmlig» geworden. Im betreffenden Artikel ging es um die Sanierung eines Wohnblocks an der Humboldtstrasse im Berner Breitenrainquartier, wodurch die Mietzinse für eine 3½-Zimmer-Wohnung auf teilweise über 3500 Franken steigen. Als Grund für den starken Preisaufschlag gab die Gebäudeversicherung Bern als Eigentümerin «die hohe Eingriffstiefe» der Sanierung an.
Frau St. setzte sich an den Schreibtisch (wir nehmen an, nachdem sich das Schwindelgefühl etwas gelegt hatte) und wandte sich an uns: «Hiiiilfe! Könnt ihr mir das erklären?» Gemeint ist die hohe Eingriffstiefe. Gerade in Fällen hochgradiger Verzweiflung – eine solche liegt schon nur wegen des vierfachen Vokals in «Hiiiilfe» zweifelsfrei vor – ist es unumgänglich, dass die Askforce als «Fachinstanz für alles» eingreift.
Das «trümmlige» Gefühl wurde, so mutmassen wir, primär durch den Gegensatz von hoch und tief in der Wendung «hohe Eingriffstiefe» sowie sekundär durch die anschwellenden Mietzinse ausgelöst. Der Blick von einem Turm oder von einer Bergspitze hinunter in einen Schlund oder Abgrund führt oft zu ähnlichen Schwindelanfällen. Umgekehrt ist der Blick aus einer Kluft hinauf auf eine Klippe weit weniger gefährlich, ausser es tost der Trümmelbach darüber.
Zurück zur Sanierung: Wir stellen uns einen Handwerker vor, der sich oben an der Wand zu schaffen macht und dann steil hinunter bohrt, bis hinüber in die Abwasserleitung der Nachbarwohnung. Oder einen Kranführer, der Rauchabzugsrohre durch den Kamin bis in den Heizraum absenkt. Oder wir manifestieren den tiefen Keller, der bis an die Decke mit Gerümpel gefüllt ist. Fachfrauen und Experten ist überdies bekannt, dass bei einer hohen Eingriffstiefe auch die Statik eines Gebäudes kompromittiert werden kann. Das Gebäude selbst wird in seinen Grundfesten erschüttert. So überträgt sich der Schwindel auch auf die Bewohnerinnen und Bewohner.
Die Askforce macht weiter darauf aufmerksam, dass es sich bei der Verknüpfung von Gegensatzpaaren wie hoch und tief stilistisch um ein Oxymoron handelt. Bekannte Oxymora sind beispielsweise «bittere Süsse», «beredtes Schweigen», «stummer Schrei», «weiser Narr» oder «ehrlicher Dieb».
Dass eine durch und durch prosaische Institution wie die Gebäudeversicherung sich solcher rhetorischer und poetischer Stilmittel bedient, ist erstaunlich. Die Beweggründe liegen im Dunkeln, selbst der lange Arm der Askforce mit seiner unübertroffenen Eingriffstiefe kann ihrer nicht habhaft werden. Eines aber steht fest: Am Ende der Sanierung an der Humboldtstrasse in Bern wird die neue Mieterschaft eine «hohe Eingriffstiefe» feststellen – im Portemonnaie.
Askforce Nr. 1220
2. Februar 2026