Gruss aus Stockholm
Die jüngste Zuschrift unserer fleissigen Fragestellerin Frl. A. Zoccoli erfüllt uns mit Sorge. Sie schildert uns offenherzig, sie werde nun auch KI nutzen. Diese «neumödige» Sache sei ja «recht gäbig». Grundsätzliche Fragen dazu stellten sich ihr nicht. Sie fragt uns bloss, was anständiger sei: die KI zu siezen oder zu duzen.
Besorgniserregend ist diese Frage allein schon wegen ihrer Inkonsequenz: Warum fragt Frl. Zoccoli das uns und nicht ihren Denkroboter? Fragt sie uns, weil im Falle der Askforce eine ganze Palette von Anreden als äusserst anständig gelten? Etwa: «Sehr geehrte Fachinstanz», «werte Expert:innen», «herzensgütige Askforce» bis hin zum jovialen «hey, Askforce, du coole Socke!». Es bleibt rätselhaft. Aber packen wir die Du-oder-Sie-Frage an. Frl. Zoccoli, bitte warten Sie derweil im Vorzimmer!
Z. wartet im Vorzimmer. Die Askforce erörtert den Fall im Schutz ihrer diskreten Arbeitsstube – und referiert zuerst übers Stockholm-Syndrom: Ein Etwas, z. B. ein skrupelloser Bankräuber mit Schiesseisen, droht einem Fräulein über Tage hinweg mit Schmerz, Tod und Verderben, raubt ihm Würde, Unbeschwertheit und Zukunft, doch das Fräulein zwinkert ihm nach einer Weile zu: «Darf ich dich duzen?» Und der Polizei gibt sie per Telefon zu Protokoll: «Wir haben eine wirklich nette Zeit.»
In etwa so war es 1973 bei der Geiselnahme in der Stockholmer Kreditbanken: Das Opfer (Fräulein) baute zu ihrem Peiniger (Bankräuber) ein positives Band auf, ging eine Täterbindung ein, die etwas libidinös besetzt erscheint. – Wenn nun ein heutiges Fräulein ein Etwas, das ihre Würde und Zukunft bedroht, unterwürfig zu siezen oder zutraulich zu duzen beginnt: Ist das ein Fall von «Stockholm-Syndrom reloaded»? Wenn dem so sein sollte: Was soll die Askforce da antworten? Letztlich sind wir eine Auskunftei und keine Heilanstalt. Wir müssen das Fräulein damit konfrontieren. Gehen wir also ins Vorzimmer. Und siehe: Z. ist immer noch da!
Wertes Frl. Zoccoli, es ist nicht erforderlich, die technologische Welt «menschlich» anzusprechen. Sie müssen zum Beispiel Ihrem Staubsauger nicht unbedingt zuflöten: «Mein lieber ‹Miele Guard S1›, es ist so ergreifend, wie leidenschaftlich und klaglos du für mich die Katzenhaare vom Perser und den Saharastaub vom Parkett in dich aufsaugst und und und …» Solches Gesülze ist sehr überflüssig. Das Ding tut, wozu es erfunden wurde. Es reicht, wenn Sie sich selbst sagen: «Jetzt muss der Dreck weg!» Die Analogie zwischen Staubsauger und KI: Auch die KI tut, wozu sie geschaffen wurde. Und wie Ihr Miele ab und zu ein auf dem Teppich liegendes Goldketteli – ausgerechnet ein Erbstück! – unbemerkt verschwinden lässt, saugt auch die KI etliches ab, was Sie ihr nie anvertrauen wollten.
Im weiteren Verlauf endet die Analogie: Das «recht gäbige» Etwas nimmt Ihnen erst Arbeit ab. Dann nimmt es Ihnen die Arbeit weg. Das Ding erleichtert Ihnen das Denken. Dann erleichtert es Sie ums Denken. Es lässt Ihnen mehr Energie für anderes. Dabei verbrennt es mehr Energie für sich selbst als alles andere. Mit «anständiger» Anrede lässt sich ein solches Opfer-Täter-System nicht aufbrechen.
Aber Sie können ja pröbeln. Sollte Ihnen Ihr neues Werkzeug die bessere Antwort auf die Du-oder-Sie-Frage liefern als die Askforce, dann – dann: Ja, was dann?
Askforce Nr. 1254
21. September 2026