Genealogie mit der Baumschere?
«Darf man – oder muss man – bei der Pflege des eigenen Stammbaums gelegentlich zur Baumschere greifen?» Diese Frage stammt von Hannes B. aus K.
Ja, ja, ja, Herr B. Wir finden Ihre Frage auch lustig. Also ein bisschen lustig. Etwa so lustig wie ein mieser Dad-Witz. Wobei: Dad-Witze sind immer mies, sonst wären es keine Dad-Witze.
Falls Sie nicht wissen, was ein Dad-Witz ist, Herr B.: Ein Dad-Witz besteht häufig aus einem Wortspiel, das nur Leuten einfallen kann, die unentwegt nach solchen Wortspielen suchen. Das Resultat: flache und harmlose Pointen, die bei einem jugendlichen Publikum meist nur ein Kopfschütteln auslösen – allerhöchstens ein dünnes Schmunzeln, das den Kern aus kalt gepresstem Mitleid, den es umhüllt, kaum zu verbergen vermag.
Warum wir das so genau wissen? Weil einer unserer Expertenkollegen ein ausgewiesener Dad-Witz-Spezialist ist. Seine Spezial-Spezialität: Doppel-Wortspiele. Er würde es uns übelnehmen, wenn wir Ihnen, Herr B., seine «absolut abgefahrenste Nummer eins» vorenthalten würden. Also denn: «Was sagt der Chef der Strassenbaufirma am Weihnachtsessen zur Belagschaft? Ihr habt teer gut gearbeitet.»
Sie verstehen, was wir meinen, Herr B.
Aber mal angenommen, es würde funktionieren und man könnte die grössten Nervensägen der jüngeren Familiengeschichte mit einer Baumschere aus dem Stammbaum knipsen: den Onkel, der noch miesere Dad-Witze erzählt als der eigene Vater. Oder die Tante, die das am Vortag Erlebte nahezu in Echtzeit nacherzählt und einen Wortteppich webt, aus dem nirgendwo das geringste Spannungsbögelchen herausragt.
Doch Obacht. Wer Tanten und Onkel wegknipst, hat plötzlich keine netten Cousins und Cousinen mehr. Und was, Herr B., wenn Sie dort, wo der Stammbaum immer struppiger und unübersichtlicher wird, eine Urgrossmutter erwischen statt deren Bruder?
Im selben Augenblick wären auch Sie verschwunden – wie Ihr Vater und Ihre Grossmutter, welche die direkte Linie zur Unglücklichen bilden. Ebenso wie alle deren Kinder und Kindeskinder. Wiederfinden würden Sie sich in einem der unfassbarsten Reiche zwischen Himmel und Erde – im Reich des Ungelebten. Zusammen mit Trilliarden von Trilliarden anderen Lebewesen, die nie existiert haben, teilten Sie eine Welt ohne Leid, aber auch ohne Glück. Und ohne Dad-Witze.
Askforce Nr. 1216
5. Januar 20262