Eine Frage zum Schein
Sabine A. lebt im Seeland, einem oft nebligen Landstrich im Bernbiet. Eines Novembermorgens schlug sie die Augen auf und bemerkte erstaunt: «Heute ist es mal nicht neblig.» Aus heiterem Himmel, wie sie der Askforce schrieb, kam ihr die Redewendung «einen Augenschein nehmen» in den Sinn. Sie fragte: «Kann man einem Auge den Schein nehmen, so wie man jemandem den Führerausweis nehmen kann, wenn man sich nicht brav an die Fahrregeln hält?»
Frau A. schickte uns ihren «Gedankenblitz» umgehend. Sie hoffte, er passe uns «ins Nähkästchen» – und wir spännen daraus «bunte Fäden». Eindrücklich, die psychedelische Kraft der Sonne. Doch die Askforce führte ganz nüchtern eine erste Inaugenscheinnahme der Frage durch, um nun – Monate später – eine Antwort zu veröffentlichen, die tiefer blicken lässt.
Ja, man kann einem Auge den Schein nehmen: Blendung war bis in die frühe Neuzeit eine verbreitete Foltermethode. Die Philister blendeten Samson, Kaiser Heinrich VI. liess König Wilhelm III. von Sizilien blenden (und kastrieren), und Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach liess seinerseits 58 Männer blenden (und aus der Stadt jagen), die am Bauernaufstand teilgenommen hatten.
Gut, vermutlich wollte Frau A. nicht auf solche finsteren Geschehnisse hinaus. Von Helligkeit betört, verteidigt sie anscheinend den Augenschein – wenn auch mit der durchschaubaren Strategie, eine Redewendung extra wörtlich zu verstehen. Selbstredend ist die Askforce gewappnet. Wir kennen uns in archaischem Strafrecht ebenso aus wie in Poesie und Schriftstellerei.
Dort herrscht Uneinigkeit. «Augen, meine lieben Fensterlein, gebt mir schon so lange holden Schein», schrieb Gottfried Keller in seinem Abendlied. Jahre später widersprach Saint-Exupéry aus Frankreich: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar», liess er den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen.
Was gilt nun? Muss wieder eine Frau vermitteln? «Die Augen sind die Fenster der Seele», meinte Hildegard von Bingen. Vielleicht steckt in Frau A.s Frage weniger ein Lob des Augenscheins als eine unbewusste Sehnsucht nach dem Nebel. Warum sonst sinnierte sie, kaum klarte der Himmel im Seeland auf, schon wieder über das Wegnehmen des Augenscheins? Vielleicht wehrt sie nur vordergründig ab, was sie insgeheim vermisst: Schleier, Schwaden und Dunst.
Unser Tipp aus dem Nähkästchen: Der nächste November kommt bestimmt. Bis dahin wollen wir schön den Augenschein üben – auch wenn der Nebel lockt.
Askforce Nr. 1233,
4. Mai 2026