Du (bist es)
«Wie wissen Übersetzer:innen vom Englischen ins Deutsche, wann die Protagonist:innen sich zu duzen beginnen? Auf Englisch sagen sie ja immer ‹you›, in den Untertiteln heisst es dann jeweils plötzlich ‹du›.» Rita S. aus Bern gehört noch zu jenen Semestern, die auf originalsprachlichen Kinovorführungen bestehen und dort «en passant» gerne ein paar zusätzliche Fremdsprachen-Brocken mitnehmen. Oder eben eine Frage an die Askforce.
«Normalerweise nach dem ersten Kuss», lautet die gängige Antwort, die sich auf ebenso gängige Romcoms bezieht (@Männer: Das sind jene dialogreichen Filme mit viel Verwirrung, hübschem Personal und absehbarem Ausgang, die Sie nur in der Phase akuter Verliebtheit mit Ihrer jeweils aktuellen Flamme ertragen. @Frauen: Harry und Sally, ach!) Der Übergang ins physisch und verbal Intime wird gerne mit tiefen, erstaunten Augenaufschlägen und aufgeregtem Gegurre garniert: «Du bist es, du warst es schon immer, du, du allein.»
Wir wechseln das Genre: Ein Filmbösewicht, ohnehin eine sprachlich unterentwickelte Spezies, wird kaum «ich mache Sie kalt» knurren, wenn er seinem Opfer das Messer an die Kehle drückt.
Schwieriger ist die Büro-Szene: Sagt die Praktikantin nach dem Zusammenschiss formal höflich: «Frau Chefin, f** Sie sich ins Knie»? Hier muss der/die Übersetzer:in weiterdenken: Haut die junge Frau ihrer Vorgesetzten gleich den ohnehin kaputten Drucker um die Ohren? Oder setzt sie sich bloss die Kopfhörer auf und arbeitet weiter? Falls Letzteres: Schade, dass solche Szenen überhaupt gedreht werden. Sonst: duzen (und das Girl hochkant rauswerfen, aber das ist nicht in der Kompetenz der Übersetzung).
Kurz: Die Geschichte bestimmt die sprachliche Nähe. Das ist Ihnen, liebe Frau S., aber längst klar. Wir lesen darum Ihre Frage als verschlüsselten Hilferuf. Denn Sie gehören zu jener Kohorte, die schon im Kindergarten mit einigem Nachdruck dazu dressiert wurde, die Lehrperson mit «Frau Krähenbühl» und vor allem mit «Sie» anzusprechen, Sie sind also ein «Boomer» oder Mitglied der Richtung Rente drängenden «Gen X».
Unterdessen beissen sich Oberstufenlehrpersonen beim Versuch, ihrem Publikum das Siezen näherzubringen, die Zähne aus, und im Schuhgeschäft werden Sie, Frau S., darauf hingewiesen, dass der hübsche Pumps «mit deinem Hallux» halt kaum vereinbar sei; «nicht böse gemeint, mein Grosi hat das auch».
Dann sitzen Sie da, siezen das Schnupperkind und kommen sich blöd vor. Damit haben Sie im doppelten Sinne ein «Du-Problem», um einen Ausdruck der «Gen Z» zu verwenden: Sie werden a) von fremden Menschen geduzt – und diese finden das b) total normal.
Liebe Frau S., das ist wirklich nicht fair. Wir sind da ganz bei dir.
Askforce Nr. 1252
7. September 2026