Die Tüpfli-Frage
Man spreche gerne vom «Tüpfli auf dem i», wenn etwas, das bereits sehr gut sei, «noch besser» oder gar «perfekt» gemacht werde, lehrt uns Sabine A. aus Lyss, bevor sie ihre Frage stellt: «Warum erhebt ein kleines Tüpfli auf dem i diesen in höchste Sphären, während zwei Tüpfli auf dem A gerade mal gut genug sind für ‹Ärger›, ‹Ähm› oder ‹Ächz›?»
Apropos Ärger – einleitend kommen wir nicht umhin, Sie, liebe Frau A., an grundlegende, ähm, Fairnessregeln zu erinnern: Sicher war Ihnen bei Ihrer Fragestellung klar, dass «ein kleines Tüpfli auf dem i» einen eklatanten Rechtschreibefehler enthält. Gemäss geltender Orthografie schreibt man bekanntlich «auf dem I», mit grossem I, also würde das i-Tüpfelchen hier weg- und die ganze Frage in sich zusammenfallen! Aber weil Ihre Frage stringent klingen sollte, bauten Sie, eiskalt berechnend, diesen Rechtschreibefehler ein. Ächz! Womöglich, um gut dazustehen neben den «Gigantes in spiritu», den Askforce-Expert:innen. Okay, dafür haben wir Verständnis. Aber wir sind doch keine Unmenschen! Wir lassen hier Gnade vor Recht walten und antworten trotz allem.
Ihre Frage, Frau A., tüpft nämlich den Kern unseres westlichen Lebensgefühls: den Individualismus, die Unteilbarkeit. Die gloriose Singularität, die wir für uns beanspruchen. Stichwort «Ich-AG», von der einst im Zusammenhang mit Hartz IV gesprochen wurde. Auch in der höheren Physik gibt’s Tüpfli ohne Ende: den «Urknall» als punktförmigen Beginn allen Seins und sein Pendant, das «schwarze Loch», das vermutliche Ende jeder Existenz. Und dann wäre da noch die technologische Singularität – «der Moment, in dem künstliche Intelligenz die menschliche» übertrifft. Sagt die KI. Inbegriffe der Verdichtung. Mütter aller Punkte.
Ein weites Feld! Feld-Wald-Wiesen-Fachinstanzen würden all diese Widersprüche stehen lassen. Doch die Askforce wäre nicht so überragend, wenn sie es nicht tupfgenau auf den Punkt brächte. Hierzu können wir die Aufgabe nach dem Analyse-Synthese-Modell in kleinste Teilaufgaben zerlegen – in Tüpfli, sozusagen, und diese dann wieder zu Klecksen zusammenfügen, zu grösseren Aufgaben. Firmen gehen so vor, aber auch grosse Maler wie Segantini, der daher zu den Pointillisten – vulgo Tüpflischissern – gezählt wird. Oder wir mischen – nach dem These-Antithese-Synthese-Modell – jeweils zwei Tüpfli zu einem grossen Tupf zusammen – auch so verschwinden Widersprüchlichkeiten. In der Malerei sprechen wir von Action Painting. Das wäre vielleicht etwas für Sie, Frau A.: ein Action-Painting-Happening mit Ihrer Firma, Ihrer Familie – oder zum Junggesellinnen-Abschied Ihres Grosskindes. Nicht nur Tüpfli, nein, auch wild hingespritzte Kleckser und Fladen heben das Dasein in höchste Sphären!
Askforce Nr. 1228
30. März 2026