Der halbe Bundesrat hilft

Valery B. aus Bern stellte ihre Frage zur richtigen Zeit – und die Askforce beantwortet sie jetzt zur falschen. Doch gründlich zu spät ist manchmal bereits wieder vorausschauend früh: Wir liefern hier nämlich Material für den nächsten vorweihnächtlichen Smalltalk. Valery bleibt somit ausreichend Zeit, sich auf diesen vorzubereiten. Was uns Valery am 6. Dezember 2025 übrigens fragte: «Samichlous. Chlous verstehe ich ja noch. Aber wo kommt das Sami her?»

Valery erkennt in Chlous richtigerweise die mundartliche Form von Klaus, Niklaus, Nikolaus et al. Diesen Aspekt dürfen wir getrost beiseitelassen. Mühe hat sie einzig mit dem Präfix Sami. Ihm widmen wir uns. Das ist zwar philologisch anspruchsvoll, lässt uns aber am Ende die Welt, wie sie sich uns zeigt, besser verstehen.

Wir beginnen weit unten im sprachlichen Unterbau. Da entdecken wir Nomen, Dingwörter, die keinen Plural kennen. Valery kann künftig ihr Umfeld beeindrucken, wenn sie Nomen ohne Plural ganz lässig und fachkundig Singulariatantum nennt und eingängige Beispiele aufzählt: das Absolute. Die Liebe. Das Obst. – Das Denken. Der Hunger. Das Nichts. – Das Gold. Das Lametta. Der Sankt Nikolaus. Richtig: Auch der Sankt Nikolaus zählt zu den Dingen auf dem Erdenrund, die grundsätzlich ein singuläres Unikat sind. Nur: Was ist dann der Sami?

Valery ahnt vor diesem Hintergrund bereits: Sami taugt nicht als Synonym für heilig. Und sie ahnt, wie wenig Sami als Koseform von Samuel überzeugt. Höchste Zeit, dass die Askforce ihr hier nun die entscheidenden Hinweise liefert.

Das tut sie – und präsentiert als Erklärbehelf den Herrn Schmid. Dieser prägte von 2001 bis 2008 die Schweizer Geschichtsschreibung als «halber Bundesrat». Dieses Prädikat verlieh ihm kein grober Gegner, sondern sein Kollege Christoph Blocher. Blocher ist eben sprachbegabt! Er bestand ein Jahr nach seiner Matura auch noch eine Zusatzprüfung in Latein. Egal ob Semi, Sämi oder Sami: Für ihn ist damit immer und ausschliesslich die lateinische Vorsilbe für «halb» gemeint. Die Welt der Halbheiten belegt seine Sicht: Semiprofi, Sämischmid und eben – Samichlous.

Wir fassen zusammen, liebe Valery: Ein Samichlous ist ein halber Chlous. Am besten begreifen Sie ihn als eigenwillig uniformierten Mitarbeiter der Verkaufsförderungs- und Eventbranche mit künstlicher Gesichtsbehaarung, der seine minderwertige Position zu kompensieren versucht, indem er sich verdoppelt, vervierfacht, vervielfacht. Das erklärt sein massenhaftes Auftreten rund ums Weihnachtsgeschäft.

Diese Belehrung ist zwar in der Tat nicht zeitgerecht, lehrt uns aber etwas Zeitloses: Der besonders unterschätzte, derbe und zugleich alltägliche Feind des Einzigartigen ist – der Plural.

Askforce Nr. 1225
9. März 2026