Warnung vor dem Gelebten
Frau Martina C. aus Meikirch stellt uns eine doppelt schwierige Frage. Doppelt schwierig, weil sie zwei schwierige Themen miteinander verbindet: Alkoholkonsum und Leben. Sie sei verunsichert, schreibt sie, denn seitens der Gesundheitsbehörden heisse es neuerdings, Bier, Wein und Schnaps seien schon vom ersten Schluck an gefährlich. Da frage sie sich, wie es mit dem Leben per se aussehe. «Müsste man dann nicht auch vor jedem gelebten Moment warnen?» Denn jeder gelebte Moment sei einer weniger, der einem zur Verfügung stehe – und sollte somit vielleicht auch eher vermieden werden?
Ganz ehrlich, Frau C.: Wir sind nicht ganz sicher, wie wir das mit den gelebten Momenten verstehen sollen. Hatten Sie eventuell bereits einen Drink intus, als Ihnen das Universum diese Frage zuflüsterte? Vor allem: Wie soll man einen Moment vermeiden, den man schon gelebt hat? Da ächzt es doch ganz bedrohlich im Gebälk des Raum-Zeit-Kontinuums.
Oder verstehen wir Sie völlig falsch? Haben Sie die Themen viel enger gekoppelt? Sind «gelebte Momente» für Sie Momente, die sich – dank oder wegen des Alkohols? – besonders stark nach Leben anfühlen? Nach Sein statt Haben? Nach Kontrollverlust? Wäre demnach für Sie ein «gelebter Moment», wenn zwei Menschen, nennen wir sie Susie und Erich, gemeinsam Wein tränken und schliesslich Dinge täten, die sie nicht täten, wenn sie bloss auf das Angebot der alkoholfreien Blue-Cocktail-Bar des Blauen Kreuzes abstellen dürften – wie zum Beispiel Sex vor, während oder nach der Ehe?
Aber warum sollte man davor warnen? Wir wissen es nicht, Frau C., denn genau solche Momente können sich im Nachhinein als überaus kostbar erweisen. Um bei Susie und Erich zu bleiben: Wenn Susie heute, viele Jahre später, an den Moment denkt, als Erich ihr sagte, sein Name bestehe aus zwei Personalpronomen – aus er und ich –, der ihrige jedoch enthalte nur eines, findet sie es immer noch lustig. Und Erich bezeichnet «den Moment, als Susie dann meine Hand ergriff», gar als den Moment seines Lebens.
Und da wäre noch ihre Tochter. Susie und Erich wunderten sich später immer wieder darüber, wie ein paar Momente der Selbstvergessenheit genügen können, um ein neues Leben in diese Welt zu berufen. Nüchtern betrachtet finden sich dafür fast keine Gründe. Im Reich der Nichtexistenz gibt es keine Risiken, keine Gefahren, keinen Schmerz, kein Leid. Und keine Sorgen, die Eltern sich um ihre Kinder machen. Aber auch kein Glück.
«Auf unsere Tochter», sagen Susie und Erich deshalb immer dann, wenn sie gemeinsam Wein trinken, «auf das Leben von Elwira.»
Askforce Nr. 1256
5. Oktober 2026