Ist Bewusstsein an ein Gehirn gebunden?
Die folgenden drei Fragen hat jemand am Jubiläumsabend der Askforce auf einen Zettel notiert – ohne Namen, ohne Kontext: «Ist Bewusstsein an ein Gehirn gebunden? Was, wenn nicht? Woher weiss man das?»
Wir vermuten, liebe Frau X. oder lieber Herr X., dass Sie diesen Fragenkomplex nach der Pause und somit nach einem oder zwei Drinks zu Papier gebracht haben. Klopft man nämlich sachte mit dem Hämmerchen darauf, klingt das Ganze ein bisschen so: «Ist es nicht beeindruckend, was für ausgefallene Gedanken mir einfallen und wie keck ich das Offensichtliche in Frage stelle?»
Klar. Manchmal erweist sich das Offensichtliche als falsch. Inzwischen wissen wir, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Aber das Bewusstsein? Warum sollte es nicht an ein Gehirn gebunden sein? Uns fällt dazu ein Leitsatz ein, der Ärztinnen und Ärzte davon abhalten soll, bei Diagnosen auf Abwege zu geraten: «Wenn du Hufgetrappel hörst, denk an Pferde – und nicht an Zebras.» Dieser Leitsatz lässt sich auf andere Lebensbereiche übertragen. Was immer die Menschen bewegt – ob Masern, Mondlandung oder Mikrowellen –, für die Zebra-Typen unter uns ist das Unwahrscheinliche immer wahrscheinlicher als das Wahrscheinliche.
Wir von der Askforce sind jedoch Pferde-Typen. Daher sagen wir: Ja, Bewusstsein ist an ein Gehirn gebunden. Ob dieses klein oder gross ist oder noch Aussenstatiönchen hat wie bei Tintenfischen in den Tentakeln, tut nichts zur Sache. Wir interpretieren das Leib-Seele-Problem so, dass Bewusstsein stets in der Einflusszone eines Leibes bleibt – auch wenn Zebra-Bekannte einem weismachen wollen, im Traum klettere es aufs Dach und halte Ausschau nach Seelenverwandten.
Woher wir das wissen? Vielleicht kennen Sie die Bücher des Neurologen Oliver Sacks, die von Störungen des Bewusstseins handeln. Sacks hatte notiert, eine winzige Hirnverletzung genüge – «und wir geraten in eine andere Welt». Das bekannteste Beispiel stammt von einem Mann, der über einen Telefonhörer einen Stromschlag erlitt – und sich danach für klassische Musik interessierte.
Schliesslich: Was, wenn dem allem nicht so wäre? Dann würde vermutlich jedes Lüftchen, jeder Baum und jeder Stein zu uns flüstern. Ja, und dann wäre auch das Schneiden der Zehennägel jedes Mal ein winziger Bewusstseinsverlust. Das alles ist denkbar.
Aber wer kann es denken? Als Pferde-Typen sind wir stolz darauf, dass wir den Aufwachraum der Evolution bereits verlassen durften, während andere Kreaturen erst dabei sind, ihre Augen aufzuschlagen. Ist das alles nicht offensichtlich, Frau oder Herr X? Oder glauben Sie, es habe nichts mit der Grösse des Gehirns zu tun, dass Löwen Zebras immer noch ungewürzt und roh verzehren?
Askforce Nr. 1237
1. Juni 2026