Nachruf auf ein Wort
Von A wie aagattige oder aarig über B wie bolochtig oder Bürzigritte und C wie chydig oder Credit Suisse – bis hin zu Z wie Zimis oder Zirpegigu: Eine ganze Reihe von Dialektwörtern ist dem Vernehmen nach im Begriff auszusterben. Rührige Wörtersammlerinnen und -sammler chüderlen dem siechen Wortschatz, verbybääbele ihn schier und errichten Wörteraltersheime, oft in Buchform. Das sind meist geschlossene Einrichtungen. Aber das hat wohl alles seine Berechtigung.
Unsere Fragestellerin, Andrea T. aus Köniz, gehört nicht zu den Sammlerinnen, will aber Genaueres zum Sterben von Wörtern wissen: «Wenn ein Wort stirbt: Tut ihm das weh? Und wer spricht es letztmals aus?»
Wir stellen uns zunächst vor, was sich Andrea T. wohl vorstellt: Wie sterbende Wörter still und ohne ein Sterbenswörtchen von sich zu geben hinausgleiten auf den schwarzglänzenden, lautlosen Ozean der toten Sprachen; wie sie dort noch letzte, traurige, schmerzvolle Blicke zurück werfen; wie sie dann stumm und erlöst wirkend in den Fluten versinken. Ja, Andrea, dieses Bild hat etwas Poetisches …
… und ist katzfalsch. Denn wenn wir, die wir am Ufer stehen, hinausblicken und zur Abdankung ansetzen – «… das schöne Wort ‹Blääterlischyt› ist viel zu früh von uns gegangen …» –, dann, zack, ist das vermeintlich tote Wort wieder lebendig; sogar lebendiger als zuvor, denn nun werden auch all unsere Leser:innen eine Wasserwaage künftig Blääterlischyt nennen. Wer auch immer ein Wort als Letzter oder Letzte nennen will, lässt es aufleben.
Das Bild vom Wesen, das lebt, altert und dann stirbt, taugt für Wörter eben nicht. Zum Glück nicht! Hätten sie ein Leben in diesem Sinne, wären sie zwar sterblich. Aber dann könnten störende Wörter – zwecks Bereinigung der Sprache – auch von irgendwem exekutiert werden. Oder unglückliche Wörter könnten völlig unerwartet den Freitod wählen: Sie würden uns – mitten im noch nicht zu Ende gesprochenen Satz – plötzlich fehlen. Sie stünden uns einfach nicht mehr zur Verfügung.
Nun bliebe noch die von Andrea T. gar nicht gestellte Frage: Und wie geht eine Wortgeburt vor sich? Braucht es Wortväter und Wortmütter, die einem Wortstammhalter in die Welt verhelfen? Oder entsteht jedes Wort parthenogenetisch? Oder ist ein jedes eine Kopfgeburt ganz à la Zeus, dem die Athene aus dem schmerzenden Schädel entsprang (allerdings erst, nachdem Hephaistos ihm kräftig eins über die Rübe gezogen hatte)? Wir bleiben dran – und sagen nur: pretzschnork!
Pretzschnork? Füttern Sie das Wort Ihrer Suchmaschine, wird sie nichts finden.
Sie müssen dem Begriff aber auch nicht weiter nachstudieren. Es hat sich hier bloss eine Spontanwortgeburt ereignet: Eben erst entstanden, hat das Wort noch gar keine Wortbedeutung und wird wohl nie jemandem helfen, sich präziser auszudrücken. Vielleicht müssen wir es abtue? Aber das ist eben gar nicht so einfach.
Glossar
aagattige anpacken, anfangen, in Gang bringen
aarig merkwürdig, seltsam, sonderbar
abtue alte, kranke oder verletzte Tiere töten
Blääterlischyt Wasserwaage
bolochtig gross, schwer, wuchtig, massig
Büppihutte Büstenhalter (derb/familiär)
Broffel / Broffu Zahn (D Broffle fiegge: Die Zähne putzen); abgebrochener Ast
Bürzi aufgebundener Haarknoten
Bürzigritte Angehörige einer freikirchlichen Gemeinschaft
chydig finster ( e chydigi Nacht)
Credit Suisse auch Gredsisuiss; etwas gradlinig – gredi – gegen die Wand Gefahrenes
Chüderle liebevoll umsorgen; schmeicheln, schäkern, schöntun
pretzschnork Wortbedeutung unbekannt; erstmals am 15. Juli 2024 aufgetaucht
Tüürigsusglych Wortbedeutung unklar
verbybääbele verhätscheln, verwöhnen, verziehen
Zimis Mittagessen oder Zwischenverpflegung (Znüni, Zvieri)
Zirpegigu Trottel, Armleuchte, Idiot (stadtbernischer Ausdruck)
Quelle: u.a. www.berndeutsch.ch und Askforce-Mundarkompendium
Askforce Nr. 1135
15. Juli 2024