Alles schön dem Reiher nach

Heute legen wir keine fertige Antwort vor. Der diensttuende Experte schaffte es nicht, seine Zeilen termingerecht zu liefern. Von ihm Nahestehenden erfahren wir, er sei «derzeit schlecht drauf» und zeige «Anzeichen einer veritablen Verwirrung».

Dabei war die von Pia B. aus Wünnewil gestellte Frage schlichter Natur: «Warum hört man beim Reiher immer nach zwei zu zählen auf?» Aus dem pflegenden Umfeld unseres Experten hören wir, gerade wegen ihrer Schlichtheit habe er die Frage «möglichst umfassend» beantworten wollen. Er habe sich zuerst mit einer ornithologischen Grundlagenrecherche beschäftigt, dies «ohne zwingenden Anlass». Es habe ihn «einfach gereizt». Zudem sei es ja auch «schön zu wissen», dass es in der Vogelwelt ganz viele Reiher gebe: Graureiher, Silberreiher, Purpur­reiher, Schneereiher, Kuhreiher et cetera – wunderbar grazile Vögel der Familie Ardeidae, allesamt zerbrechlich wirkend, aber mit dolchähnlichem Schnabel versehen. Gezählt habe der Experte schliesslich 71 Reiher, eventuell auch deren 72.

Pia B. aus Wünnewil hingegen hört beim Reiher bereits nach zwei zu zählen auf.

Selbstverständlich, so lässt des Experten Entourage durchblicken, habe dieser «die der Frage innewohnende Pointe» von Beginn weg erfasst: «Pia B. zählt fraglos nicht ornithologisch, sondern textilkundlich», habe er gesagt, wobei der Verweis aufs Textile hier nicht als abschätzig verstanden werden dürfe. Bei Pia B. komme einfach nach dem Einreiher der Zweireiher, «und dann ist fertig Garderobenstange». Das sei «nachvollziehbar», denn der Dreireiher sei «äusserst verpönt» und «so gut wie inexistent». Der simple Grund dafür: Im Drei-, Vier- oder Zwölfreiher gelte man schnell «als in unerträglichem Mass zugeknöpft».

Es heisst, der Experte habe die Niederschrift obiger Ausführungen in Angriff nehmen wollen, als ihn just beim Wort «Angriff» die Erkenntnis durchzuckte, dass es ja auch noch Einreiher im Zweireiher gebe: harte Drillmeister im militärischen Zweireiher, die in ihrer Rolle als Einreiher das zur Verfügung stehende männliche Menschenmaterial in Reihen reihten – zuerst für die Parade, später für die Front.

Bereits arg auf Abwege geraten, habe der Experte schliesslich die Reiherfrage auch kulinarisch abhandeln wollen, zählten doch Speisen wie der Reiherzungensalat zu den «dekadentesten aller dekadenten Delikatessen des alten Rom». Beim Studium der Rezepte eierte er aber so lange herum, bis ihm speiübel wurde. In seiner Selbstdiagnose gab der Experte an, sein aktuelles Krankheitsbild sei gemäss neuer WHO-Klassifikation wohl mit DD90.4 zu notieren. Kurz: Er musste reiern.

Obwohl etwas bleich, habe der Experte anschliessend doziert, auch auf wunderbaren oberägyptischen Grabmalereien seien reiernde Pharaoninnen abgebildet, was aber nicht auf Reihersalat hinweise, «sondern auf den Weinkonsum im alten Theben ums Jahr 1200 vor Christus». Der Experte gab noch an, er wolle seine diesbezügliche Recherche vertiefen, «schön dem Reiher nach», aber «pragmatischerweise» im Languedoc und nicht in Ägypten. Seither habe man nicht mehr von ihm gehört.

Askforce Nr. 1222
16. Februar 2026